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Literaturwettbewerb

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HomeSpecials — Literaturwettbewerb

 

Viele von euch waren extrem neugierig, wer als Sieger vom 2. VIENNA FANTASY GAMING CONVENTION Literaturwettbewerb vom Platz ging und natürlich wollt ihr die Geschichten auch lesen:-)

Hier zuerst der Überblick über die ersten 5. Plätze:

Platz 1:
Reinhard Karger: Ein Weg und kein Ziel

Platz 2:
Dennis Jancsary: Nur eine Straßenunebenheit oder die Löwen von Ihaltar

Platz 3:
Mark-Denis Leitner: Der letzte Tag

Platz 4:
Anita Kirschner: Das Buch

Platz 5:
Andreas Ruzovits: Weltenhüter

Und jetzt zur Geschichte, welche die Jury am meisten gefangen genommen hat:

EIN WEG UND KEIN ZIEL
(oder UNIVERSELLE VERSE VERSIERTER PERVERSER IN INVERSEN VERSALIEN)
von Reinhard Karger

Voller Ehrfurcht nahmen sie um das jahrhundertealte Skelett Aufstellung, das sich seit Ewigkeiten an ein in dunkles, speckiges Leder gebundenes Buch klammerte. Der tiefgeprägte Titel auf dem Einband schien blassrot zu schimmern, doch die Schriftzeichen waren nicht zu entziffern. Eine unnatürliche Aura lag über den sterblichen Überresten, die in sich zusammengesunken vor ihnen kauerten. Das schier endlose, gleißende Weiß rund um sie flirrte lautlos. Das einzige Geräusch, das die beklemmende Stille rhythmisch durchbrach, war das schwere Keuchen der drei Eindringlinge.

Der schmächtige Lunar war der Erste, der sich wieder gefasst hatte. "Was … soll das … bedeuten?", stammelte er flüsternd. Die matte, kaum wahrnehmbar leuchtende Kugel bebte in seinen zitternden Händen. Ohne seine Augen von dem Knochenhaufen abzuwenden erwiderte Terran nüchtern: "Daran besteht ja wohl kein Zweifel - er ist tot!", und zuckte linkisch die Schultern. Ein zynisches Echo wiederholte die letzten Worte hämisch: " … er ist tot … - … tot, tot …" Langsam glitt sein Blick auf die blaugrüne Kugel zwischen seinen schweißnassen Fingern. Mit einem resignierten Unterton in der sonst so forschen Stimme setzte er leise hinzu: "Ich habe es schon lange geahnt." Solana hatte auf dem beschwerlichen Aufstieg über die unzähligen, seltsam weichen Stufen ihr feuriges Temperament stets in Zaum gehalten, doch jetzt brach es mit einem jähen Wutausbruch aus ihr hervor: "Soll das etwa heißen, wir haben den ganzen weiten Weg hierher umsonst gemacht? - Und DU hast es die ganze Zeit gewusst?", herrschte sie ihren stämmigen Gefährten an. Die orangefarbige Kugel, die sie während ihrer Wanderung niemals abgelegt hatte, glühte plötzlich doppelt so hell auf, als sie verzweifelt in die leeren Weiten brüllte: "Aber sie kann doch gar nicht sterben!" "… nicht sterben … - … sterben, sterben … - …erben, erben, erben …", hallte es noch lange nach. Dann war alles wieder still.

Mit gefasstem Blick wandte sich Terran an seinen treuen Begleiter: "Wir dürfen niemandem davon erzählen, hörst Du?! - Keiner darf erfahren, dass er …" Mit einem kurzen Seitenblick auf die wütende Riesin setzte er fort, "… dass sie nicht mehr … nicht mehr ist."
"Aber wer soll denn jetzt das alles … alles leiten … überwachen … führen … ???", entgegnete der kleine, blasse Mann verunsichert. "Ja, eine sehr gute Frage!", donnerte Solanas hitzige Stimme. "Gibt es vielleicht Erben, an die wir uns wenden können? Oder wenigstens ein Testament?" Mit einem verschmitzten, dünnlippigen Lächeln schielte Terran zu seiner Weggefährtin hinauf. "Testament? - Ja, da gibt es sogar mindestens zwei davon - ziemlich umfangreiche Werke noch dazu. Leider in vielen unterschiedlichen Versionen und Interpretationen: Sie wurden über Jahrhunderte wild ergänzt, wüst hin und her übersetzt und dabei auch teilweise abgeändert. Heute weiß niemand mehr so ganz genau, was eigentlich in den Originalschriften gestanden hat. Fragt sich auch, wer seinen … ihren Letzten Willen vollstrecken könnte. Die Erbmasse ist zwar schon ein wenig angejahrt und zeigt bereits deutliche Gebrauchsspuren, aber es handelt sich alles in allem um ein ganz beträchtliches Vermächtnis. Eigentlich viel zu groß für einen alleine. Aber der - oder die - Verblichene hatte ja angeblich zu Lebzeiten tatkräftige Unterstützung." "Und wo sind die jetzt, bitteschön?", versetzte Solana schnippisch. "Ich fürchte, die sind mit ihm - ähm, wollte sagen: mit ihr von uns gegangen", antwortete Terran nachdenklich, "Es gab da so eine besondere Verbindung zwischen den drei Hauptverantwortlichen, aber darüber wurde bereits mancherorts heftig spekuliert. Faktum ist, dass wir offensichtlich hier ziemlich allein gelassen wurden."

Wie auf ein Kommando sahen sie einander plötzlich forschend an. Jedes Augenpaar schien wortlos ergründen zu wollen, ob der soeben aufkeimende Gedanke von den beiden anderen geteilt werden könnte. Minuten verstrichen, bis sie alle mit einer gewissen inneren Unsicherheit ihre Blicke auf die jeweilige Kugel in ihren Händen senkten. Wieder war es Lunar, der das Schweigen brach. "Das wäre entweder sehr mutig oder aber außerordentlich töricht, oder? Ich meine, wir tragen doch alle eine enorme Verantwortung, die wir nicht so einfach aufgeben können. Und außerdem: Wie funktioniert das alles überhaupt?" "Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ‚das alles' funktioniert, aber anscheinend bedarf es keiner sonderlichen Anstrengung", sinnierte Terran halblaut vor sich hin. "Was??? - Keine sonderliche Anstrengung?!", fuhr ihn Solana an. "Du meinst wohl, das wäre nur ein Kinderspiel? Sieh Dir doch bloß an, was Du aus Deiner läppischen Kugel gemacht hast! - Und Du willst Dir anmaßen, das alles mit Links zu regeln? Woher nimmst Du eigentlich Deine gottverdammte Selbstgefälligkeit, Du verfluchter Versager?" "Na, na, na - wer wird denn gleich in die Luft gehen?", versuchte Lunar zu beschwichtigen, "Bleib cool! Deine Ausbrüche helfen uns jetzt ganz sicher nicht weiter." "Außerdem ist das wohl kein geeigneter Ort für Flüche …", setzte Terran noch einen drauf. Solana lief hochrot an und spontane Wutflecken schossen ihr ins Gesicht. Ihre Kugel flammte gleißend auf. Die beiden Männer zogen instinktiv die Köpfe ein, als sie sich mit einem Ruck umdrehte und trotzig auf dem Absatz der obersten Treppe Platz nahm. Ihr Jähzorn blieb auch noch von hinten deutlich erkennbar.

Mit hörbarer Erleichterung wandte sich Lunar an seinen alten Kumpanen Terran: "Du könntest vielleicht sogar wirklich Recht haben. Jedenfalls sieht es ganz so aus, als ob die Dinge schon seit einiger Zeit von alleine liefen." "Ja, scheint so", entgegnete Terran, "Es dürfte ein gewisses dynamisches Stadium erreicht worden sein, das ein halbwegs stabiles Gleichgewicht aufrecht erhalten kann, ohne dass jemand von außen Einfluss nehmen müsste. Das hieße mit anderen Worten, dass - solange die Balance nicht durch einen Unfall gestört wird - lediglich kleinere Wartungs- und Kontrolltätigkeiten nötig wären, wenn überhaupt. In den letzten Jahrhunderten, oder vielleicht sogar Jahrtausenden, wurde offensichtlich gar nichts mehr getan und trotzdem ist das System nicht kollabiert." "Na ja - noch nicht, jedenfalls …", warf Lunar ein bisschen vorwurfsvoll ein. Terran schien diese Zwischenbemerkung überhört zu haben und setzte fort: "Wenn nun also jemand die Überwachung übernähme, hätte er wahrscheinlich genügend Zeit, sich mit den Gesetzmäßigkeiten vertraut zu machen, bis er wirklich gebraucht würde." "… oder sie …", tönte schneidend eine gereizte Stimme aus dem Hintergrund. "Was? Wie? - Ach so; ja, wie auch immer: er, sie, es oder … wir …"

Endlich hatte es jemand ausgesprochen.
Lunars gespielte Überraschung wirkte wenig überzeugend. "Wir? - Glaubst Du denn, …" Er brach mitten im Satz ab, als ihm Terrans hochgezogene Augenbraue unmissverständlich bedeutete, dass sie beide denselben Gedanken verfolgt hatten. Solana, die den beiden bis jetzt den Rücken zugewandt hatte, drehte sich auf ihrem Sitzplatz theatralisch langsam um. Zwei forschende Blicke trafen sie. "Und wie stellt sich das Herr Terran vor?", zog sie jedes Wort provokant betont in die Länge, "Wer kümmert sich um unsere Kugeln während wir drei das allmächtige Triumvir-et-feminat abhalten? Haben die Herren an basisdemokratische Mehrheitsbeschlüsse gedacht oder wollen wir das Recht der Stärkeren gelten lassen? Ich möchte Euren patriarchalischen Chauvinismus ja nicht vollends zerstören - er ist einfach zu putzig und macht Euch so schön berechenbar - aber Ihr wisst wohl auch, dass Euch Eure vermeintliche zahlenmäßige Übermacht wenig nützen würde." Lunar blinzelte hilfesuchend nach Terran, der verzweifelt versuchte, seine Contenance zu wahren. Solana hatte es wieder einmal geschafft, seine Achillesferse zu treffen. So selbstlos hilfreich sie beim Erklimmen der Stufen auch stets gewesen war, ließ sie doch niemals einen Zweifel daran, dass die beiden Männer auf sie angewiesen waren und immer sein würden.

Eine kleine, stille Ewigkeit später schien sich Terran wieder gefasst zu haben. Seine sonst oft so zynische Stimme schien sich plötzlich in sanfteste Seide gehüllt zu haben, als er seine Arme einladend ausbreitete und zu der Hitzigen flötete, "Solana, Teuerste, …" "Ach, spar Dir doch Dein Herumgesülze, Du jämmerliches Abziehbild eines Machos, und komm endlich zum Punkt!", unterbrach sie ihn heftig, "Ich warte und lausche, … aber nicht mehr lange!"
Wie von einer Ohrfeige getroffen zuckte Terran zusammen und fuhr ernüchtert fort: "Du weißt doch, dass …" "Du brauchst mir auch nichts zu erzählen, was ich angeblich schon weiß!", unterbrach sie ihn abermals, "Versuche ja nicht, hier Zeit zu schinden, um mich dann einlullen zu können - das zieht bei mir nicht! Und Dein gönnerhaftes Lehrergehabe kannst Du Dir auch an den Hut stecken! Ich war schon hier, da warst Du bloß ein formloses, unstrukturiertes Nichts irgendwo im Nirgendwo; also wenn hier jemand jemandem etwas beibringen kann, dann bin das wohl immer noch ich!" Lunar wünschte, die weiche, eisweiße Masse unter ihm würde sich auftun und ihn verschlingen. Schutzsuchend trat er einen Schritt hinter Terran. Solana quittierte das mit einem spöttischen Seitenblick, bevor sie Terran wieder herausfordernd anfunkelte. "O.K., gut, also nur die nackten Fakten.", setzte Terran mit einem leicht indignierten, aber dennoch bestimmten Unterton fort, "Erstens gibt es hier offenbar einen Job, der getan werden muss. Zweitens sehe ich weit und breit niemanden außer uns dreien, der diesen Job übernehmen könnte. Drittens wüsste ich auch niemanden, der die nötigen Qualifikationen dafür aufweisen könnte. Und viertens haben wir in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass wir trotz aller Gegensätze sehr gut zusammenarbeiten können. Vielleicht sind es gerade diese Gegensätze, die uns gemeinsam so stark machen?" Er ließ seine Worte kurz nachwirken, bevor er weiter sprach. "Außerdem lässt sich unschwer erkennen, dass dieser Posten hier schon seit Längerem vakant sein dürfte. Vielleicht erklärt das auch einige Veränderungen der letzten Jahre." "Wohl eher der letzten Jahrhunderte …", war Lunars leise Stimme aus dem Hintergrund zu vernehmen.
"Ja, vielleicht", ließ sich Terran nicht weiter beirren, "Aber gerade das zeigt uns doch, dass es auch ohne jegliche Eingriffe funktionieren dürfte. Ein kleines Stellrädchen hier justieren, ein winziges Hebelchen dort umlegen, ein Knöpfchen da, ein Schalterchen drüben, … und schon läuft alles wieder wie geschmiert. Das scheint mir alles nicht allzu schwer zu sein. Da bleibt uns - vor allem, wenn wir zusammen helfen - sicher noch jede Menge Zeit für unsere Kügelchen, die für uns ohnehin nur noch reine Routine darstellen sollten." "Sagt der Herr, der momentan die größten Probleme mit seinem Kügelchen hat", beendete Solana Terrans Monolog pointiert. "Und außerdem sehe ich hier weder eine Instrumententafel mit Rädchen, Knöpfchen oder Schalterchen, und selbst wenn es hier so etwas geben sollte, fehlt uns immer noch eine Art Bedienungsanleitung für den ganzen Schnickschnack." "Aber wir haben seine Memoiren", erwiderte Terran triumphierend mit einem dezenten Fingerzeig auf das Buch in den knochigen Armen des Skelettes. Solana wollte bereits automatisch "… ihre Memoiren …" korrigieren, verkniff es sich jedoch im letzten Augenblick angesichts der ohnehin angespannten Situation.

Drei Augenpaare fixierten den alten Ledereinband mit den seltsam schimmernden Schriftzeichen darauf. "Und worauf warten wir dann noch?", ächzte Solana mürrisch, stand auf und kam mit langen Schritten auf ihre Wegbegleiter bei dem Knochengerüst zu. Terran und Lunar machten der imposanten Frau Platz. Sie kniete sich neben das Gerippe und befand sich somit etwa auf Lunars Augenhöhe, der neben ihr stand. Ihre Unterschenkel versanken fast vollständig im weißen Untergrund. Sie zögerte. Terran machte einen forschen Schritt neben sie, beugte sich zu dem Skelett und verharrte plötzlich in der Bewegung. Sein Blick wanderte zu Lunar, halb fragend, halb auffordernd. Lunar fasste sich ein Herz und trat auch näher heran. Sein ratsuchender Rundblick wurde von beiden Gefährten mit stiller Zustimmung beantwortet. Langsam schob sich Lunars freie Hand in Richtung Buch vor. Mit äußerster Vorsicht berührten seine Fingerspitzen den Einband und zuckten kurz zurück. Nichts passierte. Ein kollektives, unterdrücktes Aufatmen war deutlich zu vernehmen. Dann griff Lunar behutsam zu. Das Buch schien fest zu sitzen, als wollte der - oder die - Tote es auch noch nach dem Ableben in Besitz behalten. Lunar zog fester, doch die Umklammerung löste sich nicht. Die brüchige Oberfläche knirschte leise unter seinem kraftvollen Griff.
Lunar ließ los und setzte seine kleine Kugel vorsichtig ab. Das Weiß verschluckte sie beinahe komplett, als er schützend beide Hände darüber hielt, bereit, jederzeit rasch zuzugreifen, falls sie ins Rollen geriete. Erst als er sichergestellt hatte, dass sie sich nicht bewegte, zog er langsam seine Arme zurück. "Kann mir vielleicht jemand der hier Anwesenden helfen?", zischte er ungeduldig und wandte sich wieder dem Buch zu.
Wie auf ein Kommando setzten auch Terran und Solana behutsam ihre Lasten ab. Die blaugrüne Kugel versank zur Hälfte während die grelle gelbrote mit einem leisen Zischen fast über dem Boden zu schweben schien. Zögerlich griffen die beiden je einen knochigen Arm und hoben ihn wie in Zeitlupe an. Ein Knirschen hallte durch die Unendlichkeit als sich die Umklammerung mit einem Ruck löste. Terran und Solana hielten die losen Gebeine hoch und sahen einander fassungslos an. Im nächsten Moment zerbröselten die Fragmente, und auch der Rest des Skelettes zerfiel zusehends zu Staub, der im weißen Untergrund verschwand.
Lunar griff sich hastig das Buch, bevor auch dieses verschwinden konnte, und zog es schützend an die Brust. Erleichtert stellte er fest, dass es zwar äußerst fragil wirkte, aber offenbar seine Konsistenz nicht aufzugeben drohte. Er stand wie paralysiert da und beobachtete seine Begleiter. Solana erhob sich wieder und richtete sich zu voller Größe auf. Mit einem ungeduldigen "Nun?" trat sie neben Lunar. Terran stand ihnen breitbeinig gegenüber, verschränkte demonstrativ die Arme und schaute sie hämisch grinsend an. "Ja, worauf wartet ihr noch?"

Bedächtig nahm Lunar das Buch von der Brust und hielt es ehrfürchtig mit beiden Händen vor sich. Dann zog er es wieder an sich, bettete es in seine rechte Hand und schlug es mit der linken vorsichtig auf. Solana spähte neugierig über den Zwerg hinweg auf die wirren, unscharfen Symbole, die sie nicht deuten konnte. Die Anordnung und Ausrichtung der Zeichen entsprach keiner Sprache, keiner Schriftsystematik, die ihr bekannt gewesen wäre. Gewisse Gesetzmäßigkeiten in der Linienführung ließen sich zwar sehr wohl erkennen, aber keinem Schema zuordnen. Lunar blätterte die vergilbten Seiten weiter. Seine Ratlosigkeit zeigte sich in der immer rascher werdenden Frequenz des anfangs noch aufmerksamen, später nur noch fahrigen Umblätterns. Nur an den vielen leeren Seiten hielt er kurz inne und kniff die Augen zusammen, als ob er das Buch hypnotisieren wollte. Die letzten Seiten rauschte er einfach nur noch unkonzentriert durch, um am Ende starr zu verharren. Solana schickte sich an, Lunar das Buch aus den Händen zu nehmen, besann sich jedoch und ließ den Arm wieder resigniert sinken.

Terran räusperte sich vernehmlich, streckte ihnen seine offene Hand entgegen und forderte mit höhnischem Lächeln knapp: "Na, gebt schon her!" Wie in Trance reichte ihm Lunar das Werk, und selbst Solana war zu verwirrt, um Terrans unverschämte Überheblichkeit wie sonst üblich zu kommentieren. Mit einem bestätigenden "Mmmhm!" betrachtete Terran kurz den Einband, bevor die erste Seite aufschlug. "Ach ja, wie ich mir gedacht hatte", murmelte er so deutlich, dass die anderen ihn verstehen mussten. Er blätterte ein wenig vor und zurück, drehte das Buch mal zu der einen, dann zur anderen Seite, hielt es mal weit von sich weg, dann wieder ganz nah an seine Nase. "Sehr schön, … wie exquisit, … äußerst außergewöhnlich, …", ließ er von Zeit zu Zeit hören, während er es eingehend inspizierte.
"Sag doch gleich, dass Du auch keine Ahnung hast, Du elender Klugsch…", wollte Solana gerade wieder zu einer ihrer Tiraden ansetzen, als Terran es erstmals wagte, die Riesin zu unterbrechen: "Au contraire, ma chère!", fiel er ihr in extra genäseltem Französisch ins Wort. Ihr wütendes Zischen hielt ihn nicht davon ab, in dem selbstverständlichen Tonfall, der sie nur noch mehr auf die Palme bringen würde, zu dozieren: "Es handelt sich bei diesen Symbolen um eine uralte, mystische Schrift, die den Menschen seit Generationen vor unlösbare Rätsel stellt. Solche Zeichen wurden an vielen verschiedenen Stellen über die ganze Erde verstreut entdeckt, zum Teil in Regionen, wo noch nie zuvor Anzeichen von Leben, geschweige denn von Zivilisationen vermutet worden wären. Es gab zahlreiche pseudo-wissenschaftliche Theorien, woher sie stammten und wie sie dorthin gelangt seien, wo man sie letztlich gefunden hat, aber man fand keinerlei Möglichkeiten, sie auch nur ansatzweise zu entschlüsseln." "Na seeehr super - und was hilft uns das jetzt weiter?", tönte Solana. "Nun, ICH kann diese Schrift entziffern." Terrans kurze Kunstpause verfehlte ihre Wirkung nicht. "Mit ein bisschen Zeit und Mühe werde ich Euch daraus vorlesen wie aus einem Kinderbuch. Möchtet Ihr das?" "Ist das die geeignete Zeit für rhetorische Fragen?", meldete sich Lunar zu Wort. "Darf ich dann vielleicht auch ein paar stellen?" "Klappe!", schnauzte ihn Solana durch die Zähne an, und zu Terran gewandt schrie sie: "Übersetze diesen alten Schinken endlich, wenn Du so oberschlau bist! Vielleicht hat ja Herr Besserwisser nichts Anderes zu tun, aber ich trage hier die Verantwortung - nicht nur für mich, Missjööh Egozentriker!" "Monsieur Égocentrique, wenn schon ...", widersprach Terran. Als er sah, wie sich seine Gefährtin bedrohlich aufplusterte, setzte er kleinlaut nach: "… aber gut, ich bin ja schon am Werk. Lasst mich bitte ein paar Minuten ungestört arbeiten, O.K.?!"

Lunar sah beschwichtigend zu der wütenden Riesin hoch, zuckte mit den Achseln und deutete mit einem Kopfnicken auf den Stiegenabgang. Solana setzte nochmals zu einer Schimpfkanonade an, doch als sie den blassen Zwerg und sein gezwungen gütiges Lächeln sah, verrauchte ihr Ärger, und sie musste zum ersten Mal seit langer Zeit sogar ein wenig lächeln. Es schmerzte. Schweigend ging das ungleiche Paar an den Rand der unendlich wirkenden Ebene und nahm auf der obersten Treppe Platz. Sie sahen hinunter auf den langen Weg, den sie mühevoll erklommen hatten. Ganz tief unten, kaum noch erkennbar, konnte man durch all das gleißende Weiß noch den dunklen Holzboden erahnen, von dem sie aufgebrochen waren. Es schien ihnen, als wären mehrere Ewigkeiten seither vergangen, aber das Gefühl für Zeit und Raum war ihnen vom ersten Schritt an immer mehr abhanden gekommen. Ihre gesamte Weltsicht hatte sich verändert. Sie starrten wortlos ins Nichts zu ihren Füßen.

"Heureka!", schallte es plötzlich durch die Weiten, "Ich hab's!". Solana und Lunar schreckten aus ihren Tagträumen jäh hoch. Sie blickten über ihre Schultern zu Terran, der triumphierend das Buch empor streckte. Sein Blick war betont kühl und seine Körperhaltung noch betonter und cooler, aber innerlich schien er zu jubeln und zu tanzen. Mit einem Satz waren Solana und Lunar auf den Beinen und stürmten auf ihren Freund zu. Er hatte es sich im Lotossitz auf dem daunenweichen Boden bequem gemacht und sie setzten sich erwartungsvoll hinzu. Terran schien den Moment noch ein wenig auskosten zu wollen, aber dann besann er sich des Temperaments seiner Begleiterin und ließ sich nicht weiter bitten. Beflissen hob er an: "Also, eigentlich ist diese Schrift ganz einfach. Es handelt sich um eine Art gespiegelte, verdrehte, umgeklappte und verkehrte Abart herkömmlicher Blockbuchstaben. Wenn man die Seiten also verkehrt hält, durchs Licht betrachtet und dann das Spiegelbild von hinten nach vorne liest, dann …" "Was … steht … drin?", zischte Solana. "Das weiß ich noch nicht - ich musste doch erst herausfinden, wie man es entziffern kann", antwortete Terran defensiv. "Außerdem wollte ich es nicht ohne Euch lesen. Wir sollten diesen erhebenden Augenblick miteinander teilen", versuchte er sich mal in Diplomatie. Selbst Lunar war ungeduldig geworden: "A little less conversation, a little more action! - Maestro, bitte …" Er hatte erkannt, dass Terran nur noch auf sein Publikum gewartet hatte, um seine große Show abziehen zu können und wollte ihm diesen Auftritt nicht missgönnen. Ganz im Gegensatz zu Solana, die bereits wieder bedrohlich rot anlief und hörbar schnaubte. "Der Titel des Werkes lautet jedenfalls SPIELREGEL", erklärte Terran erwartungsvoll.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können - selbst auf diesem weichen Boden - als die letzten Worte leise verhallten. Zwei ungläubige Blicke hefteten sich erst auf Terran, dann auf den Einband des Wälzers in seinen Händen. Er schlug das Buch von hinten auf und starrte konzentriert hinein. Stockend las Terran vor: "Ein uninteress… - nein, universelles Spiel für 2 bis unintell… - unendlich viele Mitspieler … Erstaufgabe - ähm, -lage von … hm, die Unterschrift kann ich leider nicht entziffern, nur das >& Co.< dahinter." "Ja, schon gut, lies weiter - voran!", trieb ihn Solana an. "Halt Dich nicht mit Details auf und komm endlich zum Text!", duldete auch der sonst so gemächliche Lunar keine weitere Verzögerung. "Da steht aber noch etwas: Ich glaube, das heißt >Arbeitstitel "Der Weg ist das Ziel" / Konzept, Version 42< … ach nein, da ist ein Punkt dazwischen, also >Version vier-Punkt-zwei<", stammelte Terran. Er sah auf, bemerkte die ungeduldigen Blicke und blätterte rasch um.
"Was jetzt folgt, dürfte so etwas wie eine seitenlange Auflistung verschiedenster Komponenten sein, hauptsächlich irgendwelche elementaren Grundstoffe und chemische Verbindungen, aber auch Dinge, die ich beim besten Willen nicht einmal aussprechen könnte. Immer wieder wurden Teile durchgestrichen oder überschrieben und mit Randbemerkungen versehen. - Soll ich Euch das alles vorlesen?" "Keine Details!", fauchten Solana und Lunar wie aus einem Munde. "O.K., also dann haben wir da noch ein paar leere Seiten", Terran ließ die Blätter durch seine Finger gleiten, "bis es wieder weitergeht. Da ist es schon - merkwürdigerweise ändert sich hier die Form. Es dürfte eine Art Kochrezept sein - ziemlich konfus und zusammenhangslose ‚Man nehme …'-Anweisungen. Bei genauer Betrachtung erkennt man auch einige Striche, Kreise und Pfeile, die sich auf das Papier durchgedrückt haben. Es scheint so, als wären hier einige Skizzen angefertigt worden, die später entfernt wurden. Wenn man die Schwarte von oben anschaut …", er schlug das Buch zu, ließ aber einen Finger als Lesezeichen zwischen den Seiten, "… sieht man, dass an mehreren Stellen einige Seiten feinsäuberlich herausgetrennt worden sind." Lunar kniff die Augen zusammen, starrte angestrengt auf das Buch und nickte dann eifrig. Solana würdigte das Dargebotene nur eines flüchtigen Blickes und drängte mit aufgesetzter Langweile: "Und weiter?"
"Weiter geht es wieder mit ein paar Leerseiten und dann …", Terran blätterte weiter bis zur Hälfte des Buches, " … dann ändert sich der Stil abermals. Vorher war alles noch ziemlich unstrukturiert und wirr durcheinander, aber ab hier weist der Text plötzlich etwas Ähnliches wie Reimform auf. Jedenfalls deuten die Zeilenumbrüche auf eine Art Versmaß hin."
"Hurra, ein lyrischer Gedichtband! Die Reise hat sich also doch gelohnt!", tönte Solana ironisch.

"Was an der Reihe ist, kriegt eine Seele, auf dass sie es peinige, schinde und quäle", rezitierte Terran leicht stockend. Er fühlte nahezu die ungläubigen Blicke, die ihn durchbohrten, und fügte entschuldigend hinzu: "Das steht so hier, ich kann nix dafür."
"Lass den Quatsch und lies weiter - es kann ja nur noch besser werden", trieb Solana an.
"Der Speicher wird neu formatiert,
neunzig Prozent sind reserviert,
der Rest bleibt frei für spät're Lehren,
mög' sich das Wesen noch so wehren", las Terran weiter.
"Das kann doch bitte nicht Dein Ernst sein?!", stammelte Lunar fassungslos.
"Kapazität man tunlichst spare,
dann reicht es für manch tausend Jahre -
werden Ressourcen trotzdem knapp,
dann teile man ganz einfach ab."
Terran blätterte um, zögerte und schüttelte den Kopf.
"Hör jetzt bloß nicht auf!", forderte ihn Lunar auf, "Du bist gerade so gut in Fahrt."
"Vielleicht kommt ja doch noch etwas Verwertbares. Die Hoffnung stirbt zuletzt", warf Solana sarkastisch ein.

Terran beugte sich wieder über die wirren Zeilen:
"Derartig auf die Welt gebracht,
betrachte man, wie es sich macht.
Auch manche Mängelexemplare
überdauern noch recht viele Jahre."
"Ein absolut fürchterliches Versmaß, stilistisch äußerst dubios, inhaltlich völlig unverständlich und politisch total unkorrekt. Das kann doch nur ein übler Scherz sein …", unterbrach ihn Lunar. "Bist Du Dir sicher, dass Du die Schriftzeichen wirklich verstehst?", zweifelte Solana und vergaß ob ihrer Verwirrung sogar auf ihre übliche Rage.
"Jedenfalls ergibt es Sinn; ich meine ‚Sinn' im Sinne von Wortsinn", grübelte Terran, "Aber ich entsinne mich nicht, jemals einen derart sinnfreien Text gelesen zu haben."
"Es ist sinnlos, über den tieferen Sinn zu sinnieren bis uns die Sinne schwinden. Besinnen wir uns sinnigerweise auf den Sinn unseres Hierseins - anstelle des Daseins - und lesen wir weiter bis etwas Sinnvolles kommt", wandte Lunar ein.
Solana nickte zustimmend: "In diesem Sinne pflichte ich seinem Ansinnen bei."

Und Terran las weiter:
"Was es dann tut auf seiner Welt,
sei jedem völlig freigestellt.
Man achte auf manch Attribut,
wie es sich in der Praxis tut:
Vor allem jene mit Moral
tendieren stark zur Seelenqual.
Den anderen mit festem Glauben
kann man ganz leicht den Frieden rauben.
Die dritten von der Wissenschaft
leiden von selbst schon dauerhaft.
Besondere Satisfaktion
ergibt sich aus Kombination
der obigen drei Eigenheiten,
die dann den besten Schmerz bereiten.
Des Weiteren ist zu empfehlen,
mit Tugend ihm die Ruh' zu stehlen.
Und auf dem and'ren Teil des Rasters
liegt stete Unrast seines Lasters.
Dazwischen ein Gewissen stellen,
das kann ihm ganz den Tag vergällen.
Erwähnenswert ist noch die Ehre,
mit der viel Pein zu machen wäre.
Besonders fein ist auch die Ethik,
die wirkt zwar schwach, doch dafür stetig.
Zuletzt noch Treue, Liebe, Scham
und dieser ganze Triebe-Kram -
hier hoffnungsfroh hineingeteufelt
ist ein Garant, dass es verzweifelt.
Es gäbe viele weit're Sachen,
die höllisch schöne Schmerzen machen,
doch finden alle Wesenheiten
von selbst, wie sie sich Leid bereiten.
Man muss da gar nicht daran rühren,
bloß ordentlich Statistik führen,
wie jedes Es mit großem Fleiß
sich selbst das Grab zu schaufeln weiß."

Lunar schluckte hörbar, bevor er anhob: "Das klingt für mich nach einer perversen Sadisten-Statistik. Da können auch die unbeholfenen Endreime nicht darüber hinwegtäuschen."
"Also ich will da nichts damit zu tun haben. Das ist ja krank!", meldete sich Solana angewidert zu Wort. "Es geht aber noch weiter:", setzte Terran seine Lesung fort, die zusehends flüssiger geworden war.

"Auf eines ist sehr gut zu achten:
Dass man behutsam mit ganz sachten
Andeutungen, wie all das geht,
den Wesen nicht zuviel verrät
und sie nur dann ein Stück begleitet,
wenn man sie in die Irre leitet.
Selbst gegen die obskursten Lehren
können sich nicht alle wehren,
und finden sich erst nur ein paar,
so zeugen diese eine Schar
von gleichgesinnten, dummen Schafen,
die Andersgläubige bestrafen.
So sorgt das Gleichgewicht der Welt,
dass Wissen niemals Recht erhält.
Nur wenigen sei es gegeben,
dass sie - trotz Wirrnissen im Leben -
Ahnung der Regeln hier erhalten,
doch dürfen die sich nicht entfalten!
Denn (das ist wichtig!), weiß es viel,
scheidet es aus aus diesem Spiel!
Für Durchblick gibt es keine Erben,
so kann es nicht das Spiel verderben,
und alle Einsicht nützt ihm nicht
sobald gelöscht sein Lebenslicht.
Danach kann es, wenn's ihm gefällt,
sich ausrasten vom Schmerz der Welt.
Es wünsche sich das oder dies:
ob Nichts, Nirvana, Paradies,
ob Himmel oder Strandidyllen -
ein jedes ganz nach seinem Willen.
Nur manche sind nicht ganz geheuer:
Die wünschen sich das Fegefeuer!
Doch wer sich das hat auserkoren,
mag weiter in der Hölle schmoren.
So macht ein jedes nach Fasson
kurz Zwischenstation.
Die Seele wird dann restauriert,
die Festplatte neu formatiert.
Ist erst das ganze runderneuert,
es neuerlich den Start ansteuert.
Es wird gleich, wie es sich gebührt,
dem Kreislauf wieder zugeführt.
So schließt er sich, der Teufelskreis,
und niemand von den Regeln weiß.
Auf dass dies weiter auch so bleibe,
man heftig Schabernack betreibe!"

Terran hielt erschöpft inne und schaute erstmals seit langem wieder auf. "Wann kommen endlich diese verdammten Regeln, nach denen hier gespielt wird?", knurrte Solana, "Meine Geduld ist langsam am Ende!" Lunars Beitrag beschränkte sich auf einen tiefen Seufzer.
"Hier endet der Text", bemerkte Terran lapidar und blätterte ohne hinzusehen den Rest des Buches durch. Lunar wiederholte sich mit mehr Nachdruck: Sein Seufzen nahm die Ausmaße ungeahnter Abgründe an.

Plötzlich durchzuckte ein grelles Aufblitzen die ohnehin strahlend helle Szenerie. Solana schien in Flammen zu stehen. Sie sprang auf und stürzte sich jähzornig auf Terran.
"Das ist unmöglich!", gellte ihre Stimme auf, "Gib mir diesen beschissenen Schund! Ich will es mit meinen eigenen Augen sehen!" Lunar hatte sofort reagiert und versuchte, behände zwischen die beiden zu hechten, doch Solanas Kampfgewicht drängte ihn mühelos zur Seite. Wahrscheinlich hätte sie in ihrer Raserei gar nicht bemerkt, wenn sie über ihn hinweg gestürmt wäre, doch er konnte sich im letzten Moment noch zur Seite abrollen. Er fiel weich.
Terran blieb wie angewurzelt sitzen. Er sah eine glühende, lodernde Dampfwalze auf sich zurollen und war vom Schock dieses Anblicks wie gelähmt. Im nächsten Moment rammte ihn die Riesin und riss ihn um. Der Untergrund bebte als auch Solana unsanft zu Boden ging. Terran hatte das Buch beim Aufprall verloren, doch das war momentan seine geringste Sorge. Er bekam Angst, ja nackte Panik angesichts Solanas Zustand. Er hatte sie schon öfters aufbrausend erlebt (eigentlich war das ihr Urzustand), was selbst einem betont souveränen Typen wie ihm kalte, obschon in diesem Fall eher heiße Schauer über den Rücken laufen lassen konnte, aber nie zuvor hatte er sie derart außer Kontrolle erlebt. Auf diese Erfahrung hätte er gerne verzichtet. Solana rappelte sich auf und tastete wild nach dem Buch. "Wo ist dieser Dreck?", schrie sie, und ihre keifende Stimme überschlug sich. "Solana, bitte, Du darfst nicht …", appellierte Terran an ihre Vernunft. Doch es war zu spät: Mit einem festen Griff fasste Solana in das Weiß unter sich und zog den Ledereinband heraus. Sie hob ihn in die Höhe und riss die Buchdeckel auseinander. Der brüchige Buchrücken gab knirschend nach und sie hielt in jeder Hand eine Hälfte des Werkes. Einige Seiten lösten sich und trudelten rauchend nieder, als kleine Feuerzungen aus den Überresten in ihren Händen schossen. Als sie sah, was sie angerichtet hatte, ließ sie die brennenden Teile fallen. Kaum auf dem Boden aufgekommen gingen sie lodernd in Flammen auf.

"Nein!", hallte plötzlich Lunars Schrei aus allen nicht vorhandenen Ecken. "Es ist zu spät, siehst Du das denn nicht?", erwiderte Terran mit gesenktem Haupt. Solana schaute über Terran hinweg zu dem Zwerg, der unbeholfen auf allen Vieren durch das weiche Weiß des Untergrundes tappte. "Scheiß auf die Schwarte, Du Narr, hilf mir lieber suchen!", rief Lunar ungewohnt aggressiv. Terran sah verdutzt zu ihm hinüber. "Die Kugel, meine Kugel, verdammt noch mal - wo ist sie?", schrie Lunar verzweifelt. In diesem Moment durchzuckte es Solana wie ein Blitz. Aus dem Augenwinkel konnte sie gerade noch die Umrisse ihrer glühenden Kugel sehen, die langsam direkt auf den Treppenabsatz zukollerte. Sie musste sie versehentlich angestoßen haben, als sie vorhin aufgesprungen war. Solana sprintete auf den Abgang zu. Beim zweiten Schritt stieß ihr rechter Fuß mit voller Wucht gegen etwas Hartes, doch sie hielt nicht an. Terran sah, wie Solana seine Kugel kickte und diese in hohem Bogen in Richtung Stufen flog. Er spurtete ansatzlos los. Lunar kroch suchend durch das Weiß und tastete vorsichtig herum. Er sah überrascht auf, als der spontane Wettlauf seiner beiden Gefährten seine Aufmerksamkeit erregte, und da sah er sie: die Oberkante seiner Kugel. Das Erzittern des Bodens bei Solanas Aufschlag hatte ihr wohl den Initialimpuls gegeben. Jetzt rollte sie ganz gemächlich zu der Stelle, die Terran in wenigen Laufschritten erreichen würde.
"Pass auf, Terran, vor Dir!", brüllte Lunar aus Leibeskräften. Terran wandte sich in vollem Lauf um, strauchelte und fiel der Länge nach hin. Sein Körper landete weich, doch sein Kopf schlug gegen etwas Rundes, Hartes. Lunars Kugel nahm Fahrt auf und strebte nun auch dem Abgrund zu.

Solana hatte den Treppenabsatz fast erreicht und setzte zum Hechtsprung an. Sie sah gerade noch, wie ihre Kugel über die erste Kante kippte, als sie etwas am Scheitel traf. Sie ging zu Boden und griff ins Leere. Bäuchlings am Rand der Ebene liegend musste sie tatenlos ihrer Kugel zusehen, wie diese munter von Stufe zu Stufe abwärts hüpfte. Plötzlich sprang eine zweite, kleinere Kugel vor ihr auf. Das Flugobjekt, das sie von oben niedergestreckt hatte, war Terrans Kleinod und tanzte nun direkt vor ihrer Nase herum. Instinktiv machte sie eine abwehrende Handbewegung, wie um ein lästiges Insekt zu verscheuchen. Es gelang ihr beim ersten Versuch. Noch bevor ihr bewusst wurde, was sie getan hatte, war Terrans Kugel auf Verfolgungsjagd gegangen. Aufgrund ihrer geringeren Masse holte sie bereits auf. Der unter diesen Umständen nun unweigerlich folgende hysterische Lachanfall wurde nur durch eine weitere Beobachtung aus Solanas Augenwinkel im Keim erstickt: Eine dritte, noch kleinere Kugel rollte zielstrebig auf die Treppen zu, verharrte für den Bruchteil einer Sekunde an der obersten Kante, als wollte sie sich noch rasch verabschieden, und kippte dann in die Tiefe. Sie war die leichteste und somit die schnellste. Solana sah ihr regungslos zu.

Eine spannendes Downhill-Race nahm seinen Anfang und Solana lag erste Reihe fußfrei.
Mit einem dumpfen Klatschen landete Terran neben ihr und starrte fassungslos in die Tiefe. Kurz darauf folgte Lunar, der sich aus Solidarität neben die beiden fallen ließ. "Das wird sie nicht unbeschadet überstehen", merkte eine nüchterne Stimme an. "Keine wird das unbeschadet überstehen", ergänzte eine andere frustriert. "Ich wette drei zu eins, dass meine Kugel als erste unten auf dem Holzboden ankommt", vermeldete Terran unvermutet fröhlich. "Topp", "O.K.", schlugen die beiden anderen lust- und regungslos ein. Dann beobachteten sie still das weitere Geschehen: Drei Kugeln rollten die eisweißen Stiegen hinunter. Und als die letzte mit glockenhellem Klirren fast lachend auf dem Teak aufschlug, zerbarst eine ganze Welt in filigrane Splitter.

"Du hast verloren."
Solanas schwache Stimme ist kaum zu hören.
Sie wirkt blass und völlig in sich zusammengesunken.

"Was können wir jetzt noch tun?"
Lunars ratlose Worte verlieren sich fast im unendlichen Raum.
Sein Gesicht ist aschfahl.

Terran sieht sich in alle Richtungen um, dann zu seinen geknickten Gefährten.
Seine betont muntere Frage hallt mehrfach nach:
"Hat jemand etwas zum Schreiben dabei?"

© R.K. 2008 (35.554 Zeichen inkl. Leerzeichen, 30.195 Zeichen exkl. Leerzeichen)

 






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